Neue Funde im Kloster der Syrer: Fresken und Inschriften und ihr Beitrag zur Kenntnis der Geschichte der Syrisch-Orthodoxen Kirche

von Isa Tozman

Zusammenfassung eines Vortrags von Prof. Dr. Lukas Van Rompay (9. 2. 2000 an der Freien Universität, Berlin)

In der Wüste, zwischen Kairo und Alexandria am Wadi al-Natrun gelegen, findet sich ein einzigartiges Überbleibsel christlicher Entwicklungsgeschichte: das Deir al-Surian (Klöster der Syrer).

Schon zu den Zeiten des frühen Christentums knüpften die Patriarchen von Alexandria und Antiochia starke Bindungen untereinander. Die altehrwürdige Tradition der christlichen Kopten Ägyptens unter dem Patriarchat von Alexandria wurzelt in den Anfängen des Christentums. Aus Ägypten stammen die Regel des monastischen Lebens in den Klöstern.

Von den Vätern der Wüste -wie dem heiligen Antonius- an ihre Schüler weitergereicht, verbreitete sich diese Art der Dienerschaft Gottes um die gesamte christliche Welt.

Die Geschichte des Klosters der Syrer reicht bis ins 6. Jahrhundert nach Christi. Seine überragende Bedeutung erlangte es durch die Tatkraft syrisch-orthodoxer Mönche im 8. Jahrhundert, die hier eine umfangreiche Bibliothek zusammenstellten, mit daran geknüpfter Schrift- und Lesearbeit.

Von der nunmehr islamischen Außenwelt abgeschieden entwickelte das Kloster, wie neue Funde von Fresken vermuten lassen, eine für damalige Gegebenheiten bewundernswerte Verwendung. Die Hitze eines Brandes nahe des Altars sprengte den Putz von einer Mauer der Klosterkapelle. Dahinter kamen syrische sowie koptische Fresken und Inschriften zum Vorschein, deren Freilegung noch andauert.

Nach Professor Van Rompay und seinem Stab von Restauratoren belegen die Funde die zeitweilige, zugleich von syrisch-orthodoxen und koptischen Mönchen erfolgte Nutzung des Deir al-Surian.

Auch den Geschichts- und Religionswissenschaftlern, die dem Vortrag des Historikers folgten nach, stellt die gemeinsame Verwendung eines Klosters durch Anhänger verschiedener, kirchenrechtlicher Zugehörigkeiten ein Unikum dar, im Orient wie in Europa.

Die Kunsthistoriker und Orientalisten unter den Anwesenden vermochte Professor Van Rompay als versierter Kenner und Übersetzer syrisch-aramäischer Serto- und Estrangeloschriften mit einer Entdeckung in Erstaunen zu versetzen, die eine Richtigstellung der orientalischen Kunstgeschichte erforderlich macht. Im Kloster der Syrer findet sich nämlich eine in Estrangelo geschriebene, um die eigene Achse spiegelnde Wandinschrift. Bisher entsprach es der allgemeinen Überzeugung, daß dieser Kunstgriff der Kalligraphie erst später von arabischen Schreibern erdacht wurde. Die Inschrift im Kloster belegt jedoch das Gegenteil. Sie gilt als ältester, noch erhaltener Beleg dieser Finesse der Schreibkunst syrisch-orthodoxer Kalligraphen, lange vor ihrer Übernahme durch arabische Schreiber.

Auch andere nachweislich aus dem Tur ‘Abdin stammende Schätze von besonderem Wert sind im trockenen Wüstenklima bis heute erhalten geblieben: syrische Manuskripte des 9.-16. Jahrhunderts. Ihrem Alter entsprechend befinden sich diese wertvollen Schriften leider in einem Zustand fortschreitenden Zerfalls. Gegenwärtig befaßt sich Professor Van Rompay und seine Arbeitsgruppe auch mit der Sichtung und Konservierung dieser 900 kunstvollen Schriften der Klosterbibliothek, die nicht nur in Serto oder dem älteren Estrangelo, sondern auch in äthiopisch, koptisch und arabisch verfaßt sind.

In der sich dem Vortrag anschließenden Diskussion wußten einige Zuhörer zu berichten, daß die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Klöstern der Kopten und dem Tur ‘Abdin besonders fruchtbar waren.

So geht die Gründung eines Klosters im Tur ‘Abdin, dessen Umfang die heutigen Ruinen nur erahnen lassen, auf den Klostergründer Mor (Sankt) Augen, mit dem Beinamen der Kopte, zurück. Die Annalen des Klosters Mor Gabriel verzeichnen für das sechste Jahrhundert die Ankunft von 800 Pilgern aus Ägypten, welche schließlich zu Mönchen wurden und im Kloster eine Friedhofskapelle -die Kapelle der Kopten-errichteten. Bis zum heutigen Tage tauschen die Patriarchen der Kopten und Suryoye bei ihrem Amtseintritt die Glaubensbekenntnisse aus, im Kanon der lebenden Väter werden u.a. beide Patriarchen mit in die Gebete einbezogen.

Links

This article is originally published at http://www.suryoyo-online.org/syrstudy/syrerkloster.htm

Another article about this find is ‘Deir al-Surian (Egypt): New Discoveries of January 2000’, in: Hugoye: journal of Syriac studies, Vol. 3, no. 2 (July 2000), available at http://syrcom.cua.edu/Hugoye/Vol3No2/HV3N2PRInnemee.html


Published in print in Golden Horn Volume 8, issue 2 (spring 2001)